[Zur Inhaltsübersicht «Bedenkliche Texte»] [Zur Hauptseite «Wolfgang Biebel»]
| Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, |
| sind ihre Wege auch steil. |
| Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, |
| auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann. |
| Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie, |
| auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstet. |
| Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich. |
| So wie sie dich wachsen läßt, beschneidet sie dich. |
| So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern, |
| steigt sie hinab zu deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit. |
| Wie Korngarben sammelt sie dich um sich. |
| Sie drischt dich, um dich nackt zu machen. |
| Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien. |
| Sie mahlt dich, bis du weiß bist. |
| Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist; |
| und dann weiht sie dich in ihrem heiligen Feuer, damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl. |
| All dies wird die Liebe mit dir machen, damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst. |
| Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst, |
| dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken und vom Dreschboden der Liebe zu gehen |
| in die Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen, und weinen, aber nicht all deine Tränen. |
| Liebe gibt nichts als sich selbst und gibt nichts als von sich selbst. |
| Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen; |
| denn die Liebe genügt der Liebe. |
| Wenn du liebst, solltest du nicht sagen: "Gott ist in meinem Herzen", sondern: "Ich bin in Gottes Herzen". |
| Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf. |
| Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen. |
| Aber wenn du liebst und Wünsche haben mußt, sollst du dir dies wünschen: |
| Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein, der seine Melodie der Nacht singt. |
| Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen. |
| Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein; |
| und willig und freudig zu bluten. |
| Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen; |
| zur Mittagszeit zu ruhen und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen; |
| am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren; |
| und dann einzuschlafen mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen und einem Lobgesang auf den Lippen. |
Kahlil Gibran