[Zur Inhaltsübersicht «Bedenkliche Texte»]   [Zur Hauptseite «Wolfgang Biebel»]


Verheißung

Nicht mehr lange, und das Schweigen zwischen uns wird nicht mehr sein, nur Stille noch um den, der sie sich wünscht, und der Sturm und die Datenverarbeitung und der Fluglärm werden dem Wunsch gehorchen.

Nicht mehr lange, und es wird keine Starre mehr in unseren Gesichtern sein, allein noch heiteres Leben wird sein von Gesicht zu Gesicht, und Vertrauen und Gleichmut und Zärtlichkeit.

Nicht mehr lange, und der Hass wird aus aller Augen verschwunden sein für immer, Zuneigung wird in den Blicken derer stehen, die sich anschauen, auch wenn sie einander Fragen stellen, brüderlich, schwesterlich.

Nicht mehr lange, und die verkrüppelten Schultern werden sich überall aufrichten, alle werden wir aufrecht gehen, und wenn wir Lust dazu haben, werden wir auf den Straßen und auf den Treppen und in den Höfen auch der Fabriken tanzen, auch in den Häusern der Vorsitzenden, wenn es uns grad so passt.

Nicht mehr lange, und die Schüchterne wird auf den, den sie mag, zugehen und ihn fragen, ob sie ihn umarmen darf, und auch der Schüchterne wird seiner eigenen Stimme vertrauen und zu dem Mädchen sagen am Morgen: Wie schön ihr heut wieder seid.

Nicht mehr lange, und von der Lüge werden wir reden zusammen wie von der Steinzeit, wie vom Dinosaurier und wie vom Krieg der Bürokratie und ähnlichen Sagen aus Jahrtausenden, da wir noch von Selbstsucht bestimmt waren, noch nicht von der Gewissheit unserer selbst, unserer Selbstachtung und der Würde eines und einer jeden.

Nur eine kleine Weile noch, und wir werden alle Häuser innen und außen mit den Liebesfarben Rot, Grün, Blau bemalen, denn nicht mehr lange, und wir werden wir selber sein können, jeder und jede zusammen werden wir Wir sein, frei assoziiert und jede Herrschaft, jeder Staat und jeder Drahtzaun wird abgestorben sein, gebrochen und zerrissen von der solidarischen und einzigen Gewalt unserer Befreiung zu einem Geschlecht aus Menschen.


Otto F Walter: «Die Verwilderung»