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Die Fülle

Ein Junger fragte einen Alten:
«Was unterscheidet dich,
der fast schon war,
von mir,
der ich noch werde?»

Der Alte sagte:
«Ich bin mehr gewesen.

Zwar scheint der junge Tag,
der kommt,
mehr als der alte,
weil der alte schon vor ihm gewesen.
Doch kann auch er,
obwohl er kommt,
nur sein, was er schon war,
und er wird mehr,
je mehr auch er gewesen.

Wie einst der alte,
steigt auch er am Anfang
steil zum Mittag auf,
erreicht noch vor der vollen Hitze den Zenit
und bleibt, so scheint es,
eine Zeitlang auf der Höhe —
bis er,
je länger desto mehr,
als ziehe ihn sein wachsendes Gewicht,
sich tief zum Abend neigt,
und er wird ganz,
wenn er,
so wie der alte,
ganz gewesen.

Doch was schon war
ist nicht vorbei.
Es bleibt,
weil es gewesen,
wirkt,
obwohl es war,
und wird durch Neues nach ihm
mehr.
Denn wie ein runder Tropfen
aus einer Wolke, die vorüber zog,
taucht, was schon gewesen,
in ein Meer, das bleibt.

Nur was nie etwas werden konnte,
weil wir es nur erträumt,
doch nicht erfahren,
gedacht,
doch nicht getan,
und nur verworfen,
aber nicht als Preis für das, was wir gewählt, bezahlt,
das ist vorbei:
von ihm bleibt nichts.

Der Gott der rechten Zeit
erscheint uns daher wie ein Jüngling,
der vorne eine Locke
und hinten eine Glatze hat.
Von vorne können wir ihn bei der Locke fassen.
Von hinten greifen wir ins Leere.»

Der Junge fragte:
«Was muss ich tun,
damit aus mir,
was du schon warst,
noch wird?»

Der Alte sagte:
«Sei!»


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